Nur ein Grenzstein? Die Grenze zu Südtirol.


Der hier fotographierte Grenzstein steht am Timmelsjoch (Passo Rombo) und markiert die Grenze zwischen Italien und Österreich, durchschneidet aber auch Tirol, wobei Südtirol abgetrennt wird.

Diese Abtrennung Südtirols, das sich bis heute mit dem Status zu Italien zu gehören nicht abgefunden hat, geht auf die Regelungen nach dem 1. Weltkrieg zurück.
Italien, das ursprünglich neutral war, trat nach dem Versprechen Englands und Frankreichs deutliche Gebietsgewinne zu erhalten gegen die Achsenmächte Deutschland und Österreich-Ungarn in den Krieg ein.
Im Vertrag von Saint-Germain im Jahr 1919 wurde die Abtrennung Südtirols dann völkerrechtlich besiegelt und am 10.10.1920 vollzogen (Datum auf dem Grenzstein). Zuvor war Tirol als Ganzes über 500 Jahre lang fast durchgehend von der österreichischen Monarchie unter den Habsburgern regiert worden.
Friedlich war die Region dann lange nicht.
Die Südtiroler Bevölkerung wehrte sich über die Jahrzehnte hinweg mit unterschiedlichsten Mitteln gegen die Fremdbestimmung und die drohende Vernichtung ihrer Kultur.
Dieser Widerstand wandelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts von passivem Protest über illegalen Untergrund bis hin zu politischer Diplomatie und militantem Aktivismus.
Als Gegenwehr des von Benito Mussolino verhängten Verbots der deutschen Sprache im Jahr 1923, organisierten die Südtiroler die sog. „Katakombenschulen“ (1920er bis 1930er Jahre), in denen an allen möglichen Orten geheimer Unterricht der deutschen Sprache stattfand.
Das Jahr 1939 stellte die Südtiroler vor eine brutale Wahl. Das sog. Optionsabkommen zwischen Adolf Hitler und Benito Mussoline gab die Option entweder ins Deutsche Reich (Österreich war zu diesem Zeitpunkt deutsch) umzusiedeln oder sich als „Dableiber“ zu assimilieren.
Die „Dableiber“ widersetzten sich allem Druck, der gegen sie gerichtet war und leisteten angeführt vom Andreas-Hofer-Bund passiven Widerstand.
Der politische Widerstand hatte auch nach dem 2. Weltkrieg weiter Bestand. Die Großkundgebung von 1957 in Sigmundskron war eine davon mit dem Ruf „Los von Trient“. Südtirol forderte echte Autonomie.
Nach Gründung der Südtiroler Volkspartei (SVP) nutzte diese Österreich als Schutzmacht. Österreich brachte das Südtirol-Problem 1960 erfolgreich vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO), wodurch Italien international unter Druck geriet.
Dann folgten die 1950er und 1960er Jahre, die sog. „Bombenjahre“.
Weil Rom die politischen Forderungen der Südtiroler jahrelang ignorierte und die Italianisierung durch staatlichen Wohnungsbau weiterging, radikalisierte sich ein Teil des Widerstands. Es bildete sich der Befreiungsausschuss Südtirol (BAS):
In der Nacht vom 11. auf den 12.06.1961 sprengten deren Aktivisten 37 Strommasten im ganzen Land, um die Stromversorgung der oberitalienischen Industrie lahmzulegen. Es sollte keine Menschen zu schaden kommen, sondern die Weltöffentlichkeit auf das Südtirol-Problem aufmerksam gemacht werden.
In den Folgejahren geriet die Situation außer Kontrolle. Es kam zu blutigen Gefechten mit italienischen Sicherheitskräften, bei denen auch Soldaten, Polizisten und Grenzer starben. Italien reagierte mit massiver Militärpräsenz, Ausgangssperren und Folterungen von Gefangenen.
Dieser Mix aus internationalem politischen Druck und der Angst Italiens vor einem dauerhaften Guerillakrieg führte letztlich dazu, dass Rom einlenkte und 1972 das Zweite Autonomiestatut verhandelte, welches Südtirol bis heute absichert.
Heute ist Südtirol die reichste Provinz in Italien. Als Italiener sehen sich die Südtiroler bis heute dennoch nicht. Der Umstand einer durch Schengen inzwischen unsichtbaren Grenze beruhigt die Situation. Das Problem an sich wird sich dadurch aber nicht gelöst haben…







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